Ausstellung / Carla Bobadilla 13/18

Ich bin eine volle Wienerin, die Stadt entzückt mich, ich liebe es hier. [Aber trotzdem vermis­se ich an Chile] das Essen, das Meer. Das Meer vermisse ich am meisten. […] Es lässt sich nicht mit dem Mittelmeer vergleichen, noch mit der Donau, noch mit einem See. […] Das Meer mit dieser fast allmächtigen Präsenz. Hier, gut, da haben wir die Donau, aber das ist nicht dieses Ding, das dich fast überflutet. […] Weil ich das Wasser so vermisse, habe ich vor zwei oder drei Jahren bei einem Chile-Besuch begonnen, […] im offenen Meer zu schwimmen. Ich kaufte mir einen Neopren-Anzug, belegte einen Schwimm­kurs und nun werfe ich mich bei jedem Chile-Besuch in die offenen Gewässer. Wenn ich hierher zurückkehre, mache ich damit weiter, in der Donau, in den Seen, ich schwimme zweimal pro Woche. Die Verbindung mit dem Wasser ist, sozusagen, meine emotionale Eindämmung. Und Spanisch zu sprechen. Auf Spanisch zu arbeiten. […] Es ist sehr schwer Personen zu finden, mit denen du zusammenarbeiten kannst, mit denen du das intellektuelle Niveau teilst und die gleichen Themen bearbeiten kannst. Die Donau [erinnert mich an Chile]. Seit ich auf dem Land lebe, nehme ich den Bus nach Wien und der Bus fährt die Donau entlang und es ist gleich, wie damals als ich in Valparaíso lebte und nach Viña in die Schule musste. Da fuhr ich der Küste entlang. [Also] auf jeden Fall das Wasser, der Donaukanal, die Donau. Dann die Bibliotheken mit der Literatur. [In der Hauptbibliothek] am Urban Loritz-Platz findest du chilenische Literatur. Im Instituto Cervantes werden auch viele chilenische Bücher präsentiert. Und im Lateinamerika-Institut. Dann die Nalca [eine südchilenische Pflanze] im Botanischen Garten. Die präparierten Kondore im Naturhistorischen Museum. Die Pinguine in Schönbrunn.

Etwas anderes, das mir an Österreich sehr gefällt […] ist die politische Stabilität. An Chile kritisiere ich sehr, dass es keine konsistente parlamen­ta­rische politische Grundlage gibt, auf die man sich verlassen kann. In Österreich habe ich das Gefühl, dass du zwar eine rechtsextreme Regierung haben kannst […], aber es gibt diese Grundlage. Sagen wir, es gibt ein grundlegendes Konzept von Demokratie, das unberührbar ist. Und ich habe das Gefühl, in Chile musst du bei jeder neuen Regierung schauen: „Was mache ich, wie mache ich das, wie löse ich das?“
[Ich informiere mich über chilenische Nach­richten.] Ich lese alle Zeitungen. Ich folge ihnen über Instagram, ich folge allen… jedenfalls den kritischen Zeitungen. […] Ich denke, das hat mich zu dissoziativen Momenten gebracht. Wenn ich morgens erwache, um halb sechs, öffne ich als erstes meinen Instagram-Account und gehe von der ZIB 1, dem Standard zu El Desconcierto in Chile. […] In der U-Bahn höre ich Diego Lorenzini. […] Das heißt, mein Alltag ist absolut chilenisch. […] Und dauernde Kommunikation mit der Familie und den Freund_innen in Chile. Ich habe WhatsApp und empfange Nachrichten aus Valparaíso, Nachrichten aus Santiago, Nachrichten aus La Serena, mit großer Intensität. […] Ich unterrichte an der Universität und mein Freund schreibt mir: „Ja, ich habe gerade eine Himbeertorte für den Namenstag deiner Mami gekauft. Wann soll ich ihr die bringen?“ Und ich sage den Studierenden: „Warten Sie, ich muss da eine sehr wichtige Nachricht beantworten.“ […] Während der Pandemie brachte ein Herr meiner Mutter Gemüse. Ich koordinierte das in den Unterrichtspausen, trug dem Herrn vom Gemüse­handel des Cardonal-Markts am Hafen von Valparaíso auf, er solle ihr […] ein Stück gelben Kürbis bringen und zwar um halb elf, weil da meine Mutter, die schon 83 ist, herunterkommt…
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