Ausstellung / Carla Bobadilla 15/18

Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Klassis­mus in Chile so rasch verschwindet. Als man mich hier in den ersten Interviews fragte: „Carla, wieviel Rassismus musstest du in Österreich erleiden?“, da sagte ich ihnen: „Nicht so viel, wie ich in Chile unter dem Klassismus leiden musste.“ Allein, weil ich Bobadilla heiße, dabei ist das nicht einmal ein indigener Name. Man stelle sich vor, ich heiße Bobadilla, ein ganz gewöhnlicher spanischer Nachname, man stelle sich vor, was Personen erleiden müssen, die einen Mapuche- oder Aimara-Nachnamen haben. Aus öster­reichischer Perspektive […] sagen sie: „Ach, was für ein hübscher Name!“ […] „Ach, Bobadilla klingt so poetisch!“ Aber in Chile ist das, als würde man Müller heißen. […] Es bringt gar nichts. In Chile bringt es etwas, wenn du Kaufmann heißt, aber nicht Bobadilla.

[Bezüglich der Erfahrung einer migrantischen chilenischen Frau und der Weitergabe dieser spezifischen Erinnerung] habe ich im Lauf der Jahre gelernt, dass mein Impetus, mich schwie­rigen Situationen zu stellen, nicht von mir kommt. Das ist nicht etwas, das Carla Bobadilla eigen ist, sondern das ich gelernt habe von vielen Generationen Frauen in meiner Familie, die gekämpft haben, um diese Familie weiterzu­brin­gen. […] Als ich hierherkam und von Tür zu Tür gehen musste, da war dieses Von-Tür-zu-Tür-Gehen nicht mein Von-Tür-zu-Tür-Gehen, sondern etwas, das meine Mutter gemacht hat, das meine mütterliche Großmutter gemacht hat, das meine väterliche Großmutter gemacht hat. […] In diesem Sinne würde ich von Patriotismus sprechen, im genetischen Sinne: „Ich habe diese Kraft im Blut.“ Mich in jeder Situation über Wasser zu halten, so schwierig sie auch sein mag. […]   weiter lesen