Ausstellung / Cristina Musa 7/18
Ich kam sowieso mit der Idee hierher [nach Österreich], danach nach Kuba zu gehen. Das war die Idee. Ja. Ich meine, es hat, ich würde sagen, gut zwei Jahre gedauert. Ich habe sofort angefangen, die Sprache zu lernen, um mich verständigen zu können, denn ich habe es nie gemocht, abhängig zu sein. Also musste ich die Sprache lernen und ich sprach sehr gut Englisch und das hat mir sehr geholfen. Heute sprechen sie mit mir auf Englisch und ich verstehe sie, aber wie ich ihnen antworte, weiß ich nicht… Schreiben und hören, ja. Schreiben und zuhören, ja, aber nicht sprechen. Und nun, ich habe angefangen, mir hier ein Leben aufzubauen. Ich merkte, dass es schwierig werden würde. Und meine Freunde, die in Frankreich waren, sagten mir: „Nein, geh nicht nach Kuba, bleib hier.“ Sie versuchten, mich zu überreden, nach Frankreich zu gehen. Das war aber nicht möglich. Zu dieser Zeit war Frankreich voller Flüchtlinge. Es war nicht möglich. Ich habe mehrmals mit einer Frau namens Vásquez von den Vereinten Nationen gesprochen, die sich um Flüchtlinge kümmerte, um nach Frankreich zu gehen, aber nachdem es nicht möglich war, sagte ich: „Nun, ich bin ja schon hier.“ Ich habe angefangen zu arbeiten, weil ich etwas tun musste. Ich habe geputzt und ich kam zu einer Firma – die Firma, in der ich einige Jahre später arbeitete. [Deutsch gelernt habe ich durch] reden, ins Fettnäpfchen treten und die Betriebssekretäre bitten, wenn ich etwas anderes gesagt habe, es zu korrigieren. Und lesen auf Deutsch. Am Anfang waren es Märchenbücher, Kinderbücher, und dann waren es andere Sachen. Es war die Zeit von Kreisky. Es war also eine recht gute Zeit für einen Flüchtling. Man fühlte sich sicher. Es gab nicht die Probleme, die es heute mit Flüchtlingen aus anderen Ländern gibt. Es war viel friedlicher.
Man hatte die Gewissheit, dass man zum Beispiel nachmittags oder abends rausgehen konnte, um spazieren zu gehen, und nichts passierte. Die Kinder konnten draußen spielen. Es war ruhig, und aus sozioökonomischer Sicht, sagen wir mal, mit dem, was ich in der Firma verdient habe, habe ich gut gelebt. Ich habe gut gelebt. Und ich konnte sogar ein wenig sparen. Es war aus dieser Sicht eine gute Zeit und, wie ich schon sagte, waren die Sozialisten an der Regierung. Ich war die ganze Zeit in dieser Firma, dann habe ich die Reinigung gemacht. Der eine Teil, der andere Teil wurde von jemand anderem erledigt. Und ich war für den Einkauf verschiedener Dinge zuständig, zum Beispiel für die Bestellung von Büromaterialien, und ich arbeitete viel mit den Leuten aus der Planungsabteilung zusammen, also habe ich Pläne kopiert. Diese Art von Dingen. Als ich das erste Mal allein zum Arzt gehen musste, habe ich teilweise auf Deutsch und teilweise auf Englisch kommuniziert. Das meiste davon auf Englisch. Denn, wie gesagt, ich war sehr gut in Englisch. Dann habe ich angefangen, mich so sehr mit Deutsch zu beschäftigen, dass das Englische in den Hintergrund getreten ist. Und danach fing es an, mit der deutschen Sprache zu laufen. Mit grammatikalischen Fehlern, so viel du willst, aber du musstest dich daran gewöhnen. Na ja, und die Zeitung lesen und Fernsehen schauen. Die Freude, wenn man merkt, dass etwas in der Zeitung schlecht geschrieben war. Denn nicht alle Zeitungen schreiben richtig. Und das Lesen auf Deutsch… die ersten Lektüren in Deutsch waren die Geschichte Österreichs, weil man Geschichte lernen musste, weil man sich in das Milieu einfügen musste. Wenn man sich in die Mitte eines Landes einfügen will, muss man Geschichte lernen, sonst ist man verloren.
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