Ausstellung / Cristina Musa 12/18
Nun, ich war eine Zeit lang Vorsitzende der Chilenischen Sozialistischen Partei hier in Österreich. Ich kam ‘84 hierher. Es muss ungefähr ‘85, ‘86 gewesen sein. Und dann kam diese Sache mit den Vereinbarungen und den Absprachen, die die politischen Parteien in Chile noch während der Diktatur getroffen hatten. Die Wende des Blattes, sagen wir mal. Und ich mochte die Aussagen der Sozialistischen Partei nicht und so bin ich ausgetreten. Ich bin gegangen. Ich war hier in Österreich in der Menschenrechtskommission und habe aktiv mitgearbeitet. Ich war in der so genannten TAFICH. Das war eine Frauenorganisation, die mit Chile solidarisch war. Wir haben Solidaritätsaktionen für Chile gemacht, haben Geld gesammelt. Einmal, erinnere ich mich, sind wir nach St. Pölten gefahren und da gab es ein Dorffest also eine Solidaritätsaktion mit Chile. Also sind wir hingefahren, haben mitgemacht, das Geld wurde gesammelt und dann wurde es nach Chile geschickt. Solche Aktivitäten haben wir durchgeführt.
[Wie ich als chilenische Frau das Exil erlebe?] Nun, in Anbetracht des ersten Exils in Kuba, in Anbetracht der Tatsache, dass ich eine aktive Kämpferin war, dass ich sogar in der Führung der Sozialistischen Jugend in Viña war… Gewiss, es war eine Entwurzelung von einem Ort, um an einem anderen, in Kuba, zu leben. Das war keine schlechte Erfahrung. Das erste Exil war keine schlechte Erfahrung. Man hatte die Sprache, man hatte die Solidarität eines ganzen Volkes. Jetzt, im zweiten Exil, wenn man hier weggeht und plötzlich nicht mehr weiß, wie, was, wo und wann… Das war schon ein bisschen problematischer, aber nur am Anfang. Denn dann kam diese Gruppe von Freunden auf und die Situation begann sich zu entspannen, sagen wir mal so. Nun, um ehrlich zu sein, habe ich mich durch das Exil nie traumatisiert gefühlt. Ich gehörte nicht zu den Leuten, die hierherkamen und sagten: „Ich packe meinen Koffer nicht, weil ich gehe zurück.“ Ich habe meine Koffer ausgepackt. Ich habe sie in dem Moment ausgepackt, als ich beschlossen habe, dass ich hierbleibe und nicht mehr nach Kuba oder Frankreich fahren will. In dem Moment habe ich die Koffer ausgepackt, und das war’s, die Koffer waren ausgepackt.
Sie waren nicht dafür gemacht, nach Chile zurück zu gehen. Nein, das waren sie nicht. Und wenn du mich im Nachhinein fragst, nach all den Chile-Besuchen… die Zeit vergeht. Ich sage: „Was mache ich hier?“ Ich meine, ich will weg. Ich habe in Chile nichts zu tun. Obwohl es stimmt, dass man, wenn man hier ist, anfängt, die Familie zu vermissen, diese Kleinigkeit, diese andere Kleinigkeit, die Gerüche, ich weiß nicht was, aber es ist nicht traumatisch. Und tatsächlich denke ich, jetzt im Jänner gehe ich nach Chile. Ich schließe alles ab, was ich in Chile abschließen muss, und das war’s, es ist vorbei. Zum einen wegen meines Alters, weil es lästig ist, zu reisen, die Tickets sind teuer. Es gibt Menschen, die sich nie daran gewöhnt haben, hier zu sein. Es gibt Leute, die die Sprache nie gelernt haben. Oder sie haben sie sehr schlecht gelernt, obwohl sie viel jünger sind als ich. Es gibt eine Person, die hierherkam, als sie so alt war wie meine älteste Tochter. Und sie hat die Sprache nie gelernt. Ich meine, sie sieht fern, sie sieht den Film, sie versteht, worum es geht, aber sie kann sich nicht auf Deutsch ausdrücken oder etwas schreiben. Und das nenne ich, sich nie zu integrieren. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass chilenische Frauen sagen: „Nein, ich lasse mich nicht mit Österreichern ein, weil die kalt sind. Weil – nein, nicht diese Leute!“ Das ist keine Integration, das ist, nicht zu akzeptieren, dass man einer anderen Realität lebt. Sich in dem Sinne öffnen, dass sie an großen Gruppen teilnehmen können, die nichts mit ihrer Besonderheit zu tun haben… Aber man integriert sich, und in dem Sinne, dass man andere Menschen kennenlernt, die mehr oder weniger das gleiche durchgemacht haben und vielleicht auch heute noch durchmachen. In diesem Sinne ist es eine kulturelle Öffnung. Man beginnt, Dinge zu akzeptieren, die man vorher nicht akzeptiert hat, nicht weil man sie nicht akzeptieren wollte, sondern weil man sie nicht kannte. In jenen Jahren kostete das Telefonieren einen Haufen Geld. Man rief für bestimmte Dinge an. Es gab natürlich auch Briefe. Andere Medien waren die berühmten Kassetten. Man nahm eine Kassette auf und schickte sie ab. Von Chile schickten sie uns dann Kassetten und erzählten alle Familiengeschichten. Was vor sich ging, und wir haben das Gleiche von hier aus gemacht.
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